Mittel und Zweck – Warum das Telos verloren ging
Lange Zeit war es selbstverständlich, dass Dinge einem Zweck dienen. Die Natur hatte ein Ziel, der Mensch ein Streben, das Handeln eine Richtung. Die Philosophie nannte das Telos – das Zielhafte, das Sinngebende. Aristoteles dachte in Finalursachen, die Theologie sprach von göttlichen Plänen. Selbst das Recht hatte eine Richtung: Gerechtigkeit, Ordnung, Frieden.
Doch diese Vorstellung ist verblasst. Die Moderne hat das Ziel ersetzt durch Funktion, das Telos durch das Interesse, das Warum durch das Wie. Heute sprechen wir nicht mehr über Zwecke, sondern über Stakeholder. Nicht mehr: „Wozu ist das gut?“, sondern: „Wem nützt das?“.
Beide Fragen beantworten das „Warum“, aber auf unterschiedliche Weise: Die Frage „Wozu ist das gut?“ impliziert ein Ziel, also ein „um zu“. Zum Beispiel: „Warum gießt du die Pflanze?“ – „Um sie am Leben zu halten.“ Die Frage „Wem nützt das?“ hingegen kann auf einen konkreten Vorteil verweisen, etwa: „Warum wurde diese Entscheidung getroffen?“ – „Weil sie dem Unternehmen nützt.“ In diesem Sinne wird der Zweck zu einer Interessenlage, das Telos zu einem Nutzenkalkül. Ihering unterschied bereits zwischen dem „weil“ (kausale Erklärung) und dem „um zu“ (Zielbezug) – und diese Unterscheidung ist auch heute noch erkenntniskritisch zentral.
Die Gründe für diesen Wandel sind vielfältig:
Da wäre zum Beispiel der Aufstieg der Naturwissenschaften, durch deren mathematische Basis die Welt als Kette von berechenbaren Kausalitäten verstehbar wird. Ursache und Wirkung können rechnerisch nachvollzogen, in Formeln gegossen, prognostiziert werden. Doch das, was Dinge bedeuten, lässt sich nicht messen. Der Positivismus – in seiner allgemeinen Form, nicht nur im Recht – erklärte nur das für gültig, was sich beobachten, zählen, wiederholen lässt. Alles andere – Ethik, Sinn, Gerechtigkeit – galt als Spekulation. So wurde die Frage nach dem Telos in den Bereich des Subjektiven verbannt. Beispiele finden sich überall: In der Medizin zählt der messbare Heilungserfolg, nicht das subjektive Wohlbefinden. In der Bildung zählen Tests und Noten, nicht Neugier und inneres Wachstum.
Im 20. Jahrhundert machte die Menschheit zudem schlechte Erfahrungen mit Ideologien, die Sinn zu stiften versuchten. Der Kommunismus kann als Versuch gesehen werden, Gesellschaften zu vergemeinschaften, der Nationalismus hingegen als Versuch, eine vermeintlich homogene Volksgemeinschaft zu schützen. Beide missbrauchten die Idee von Gemeinschaft (homogene Menschengruppen) und Gesellschaft (heterogene Menschengruppen), stellten den Zweck über die Mittel und betrachteten den Tod von Millionen nicht nur als Nebeneffekt, sondern als legitimes Mittel zur Zielverwirklichung. Diese Erfahrungen führten zu einem tief sitzenden Verdacht: dass Ideologien mit einem vorgegebenen Zweck stets in der Gefahr stehen, als Machtinstrumente missbraucht zu werden.
Diese Sinnkrise wurde durch die betäubende Logik des Marktes kompensiert, der mittels einer quasi-mathematischen Basis „berechenbare Werte“ liefert. Der Zweck scheint hier zu sein, eine Quantifizierbarkeit des Guten herzustellen, um Entscheidungen an Nützlichkeit zu orientieren. Doch damit wird der Zweck zum Mittel – und das Mittel zum Zweck. Wirtschaftliches Wachstum, ursprünglich Mittel zum besseren Leben, wird zum Selbstzweck. Bildung, ursprünglich Mittel zur Entfaltung der Persönlichkeit, wird Mittel zur Erhöhung von Arbeitsmarktchancen – und diese werden dann zum Ziel. So entsteht eine inhaltsleere Selbstreferenz: Das Mittel rechtfertigt sich selbst und ersetzt den Sinn.
Alle Versuche, einem Zweck eine Bedeutung beizumessen, stehen deshalb unter Verdacht. Wer heute von „Zielen“ spricht, sieht sich genötigt, diese mit „objektiven“ Begründungen zu versehen: Effizienz, Nachhaltigkeit, Resilienz, Innovationskraft. Doch all diese Begriffe sind keine Ziele an sich, sondern Mittel, die als Ziele getarnt auftreten. Man rechtfertigt nicht mehr, was man will, sondern nur noch, wie man es effizient umsetzt.
Ein allgemein anerkannter nicht-quantifizierbarer Zweck scheint deshalb nicht zu existieren, weil er sich nicht überprüfen lässt. Es fehlt die Methode zum Nachweis, dass ein solcher Zweck tatsächlich zu etwas messbar Gutem führt – und gleichzeitig ausschließt, dass Schlechtes entsteht. Was man nicht rechnen kann, gilt als Meinung.
Ein möglicher Ausweg wäre, nicht mehr im Dualismus von Gemeinschaft und Gesellschaft zu denken, sondern von einem Gemeinwesen zu sprechen, das beide Formen umfasst. Und das größte denkbare Gemeinwesen ist die Menschheit als Ganzes. In diesem Horizont verliert die Marktlogik ihre Stellung als höchste Instanz. Sie wird vom Thron gestoßen, weil sie sich als Mittel unterordnen muss – dem Zweck, die Menschheit zu erhalten, zu fördern, zu schützen.
Doch mit der Inthronisierung der Spezies Mensch als oberstem Zweck droht eine neue Gefahr: der Mensch als Ideologie. Und so kehrt die alte Frage zurück – aber auf anderer Ebene: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wer diesen Begriff ein für alle Mal definieren will, wird ihn verfehlen. Denn Menschlichkeit ist nicht statisch – sie wächst, sie irrt, sie fragt. Und sie trägt Verantwortung. Wer daher im Namen des Menschen spricht, sollte stets die Menschheit im Hinterkopf behalten – nicht als Idee, sondern als lebendiges Gegenüber.
Stell dir vor, es käme ein Außerirdischer auf die Erde – ein vollkommen unbekannter Dritter – und du solltest ihm erklären, was es heißt, Mensch zu sein. Du könntest ihm keine Zahlen vorlegen, keine Formeln, keine Gewinnrechnung. Du müsstest erzählen, was es bedeutet, zu hoffen, zu irren, zu lieben, zu leiden – und Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht ist genau das der Prüfstein für jeden Zweck: Ob man ihn einem Fremden erklären könnte, der nichts von dieser Welt weiß.
Und vielleicht ist jedes neugeborene Kind genau ein solcher Fremder – ein unbekannter Dritter, der aus der Welt auf die Welt kommt. Und den wir nicht mit Theorien begrüßen sollten, sondern mit Menschlichkeit.