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Versprechen und Eid – eine Antwort auf das Sein-Sollen-Problem

Das Sein-Sollen-Problem, erstmals systematisch von David Hume formuliert, stellt eine grundlegende Herausforderung dar: Aus der Beschreibung der Welt (dem „Sein“) folgt logisch keine normative Aussage (dem „Sollen“). Dieses Dilemma durchzieht Ethik, Rechtsphilosophie und politische Theorie bis in die Gegenwart. Auch Hans Kelsen, Begründer der Reinen Rechtslehre, übernahm diesen Bruch: Recht sei ein System gesetzter Normen, von Moral oder Natur abstrahierend, formal, logisch. Das Sollen soll sich aus einer normativen Grundnorm ergeben, nicht aus einer Idee des Guten oder Gerechten.

Doch die Sprachphilosophie hat einen alternativen Zugang geschaffen. In der Sprechakttheorie von John L. Austin und John Searle wird Sprache nicht nur als beschreibend verstanden, sondern als handelnd: Wer „Ich verspreche dir…“ sagt, tut etwas. Ein Versprechen ist ein performativer Akt – er schafft durch die Sprache selbst eine neue Wirklichkeit, eine normative Bindung. Das „Sollen“ entsteht hier nicht durch logische Deduktion, sondern durch eine bewusste, öffentliche, sprachlich vollzogene Selbstverpflichtung.

Im Zentrum dieses Gedankens steht der Eid: das „heilige Versprechen“. Der Eid ist kein bloßer Ritus, sondern eine tiefe Form menschlicher Selbstbindung. Er bringt das Innere (Gewissen), das Zwischenmenschliche (Vertrauen) und das Politische (Verantwortung) zusammen. Er ist ein Akt der Identifikation mit dem Sollen, geboren aus Freiheit, nicht aus Zwang. Der Eid ist ein Akt der Menschlichkeit.

Das Projekt erkennt in dieser Denkfigur eine radikale Form der Selbstgestaltung: Der Mensch wird nicht zum Guten gedrängt, sondern er wählt es. Nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung. Nicht durch Natur, sondern durch Sprache, Gemeinschaft und Haltung. Ein Versprechen ist im Sinne des Projekts ein Akt der Würde. Es bezeugt: Ich nehme mich ernst – und euch mit mir.

So wird das Sein-Sollen-Problem nicht abstrakt gelöst, sondern praktisch überwunden: Im Wort, im Vertrauen, im Eid. Hier zeigt sich die Ethik des Projekts in ihrer konkreten, lebendigen Gestalt. Sie lebt nicht aus Geboten, sondern aus gesprochenem Vertrauen. Und vielleicht ist genau das das tiefste Gesetz: Ein Wort, das verbindet, weil es geglaubt werden will.