Was Adam Smith wirklich meinte – und was John Nash daraus machte
In populären Debatten über Wirtschaft hört man oft: Wenn jeder seinen eigenen Vorteil sucht, wird es am Ende allen besser gehen – so habe es Adam Smith gesagt. Und eine „unsichtbare Hand“ werde dafür sorgen. Doch diese Vorstellung ist eine moderne Erfindung, nicht das Denken Smiths.
Adam Smith und die unsichtbare Hand
Smith hat den Ausdruck „invisible hand“ in seinen Werken nur zweimal verwendet – und nie als ökonomisches Gesetz. In The Wealth of Nations (1776) beschreibt er damit, wie ein Kaufmann, der lieber in seinem Heimatland investiert als im Ausland, durch sein Eigeninteresse indirekt auch das Wohl der Nation fördert. Es ist eine Beobachtung, keine allgemeingültige Regel.
Viel wichtiger ist Smiths erstes Werk: The Theory of Moral Sentiments (1759). Dort entwirft er ein Menschenbild, das von Empathie, Sympathie und moralischem Urteil geprägt ist. Der Mensch, so Smith, ist ein soziales Wesen, das sich am Blick und Urteil der anderen orientiert. Es geht also nicht nur um Eigennutz, sondern um gegenseitige Wahrnehmung und Rücksicht.
Die Reduktion auf „Egoismus führt zum Gemeinwohl“ ist eine ideologische Verkürzung, die Smiths Denken verzerrt. Der Markt braucht nach Smith Rahmenbedingungen, ethisches Verhalten und soziale Rückkopplung, um funktionieren zu können.
John Nash und das strategische Gleichgewicht
Im 20. Jahrhundert griff John Nash, ein Mathematiker, diese Fragen auf – allerdings aus spieltheoretischer Sicht. Sein berühmtes Nash-Gleichgewicht beschreibt Situationen, in denen kein Beteiligter seinen eigenen Nutzen verbessern kann, wenn die anderen ihre Strategie beibehalten.
Doch was oft übersehen wird: Nash zeigte, dass blinder Eigennutz nicht zum besten Ergebnis führt. Nur wenn man die Strategien und Bedürfnisse der anderen mitdenkt, kann ein stabiles, tragfähiges Gleichgewicht entstehen.
In dem Film A Beautiful Mind wird das anschaulich erzählt: Nash erkennt, dass es nicht klug ist, wenn alle Männer die gleiche schöne Frau umwerben. Erst wenn jeder auch die Chancen der anderen mitbedenkt, profitieren alle mehr. Dieses Gleichgewicht ist nicht altruistisch, aber es ist auch nicht egozentrisch – es ist strategisch rücksichtsvoll.
Fazit: Zwischen unsichtbarer Hand und sichtbarem Mitdenken
Adam Smith und John Nash sprechen in unterschiedlichen Zeiten und Disziplinen – aber beide zeigen: Wahrhaft stabiles menschliches Handeln braucht mehr als Eigennutz.
- Smith setzt auf das moralische Urteil im sozialen Miteinander.
- Nash zeigt die Rationalität der gegenseitigen Rücksichtnahme.
Die Idee, dass alle sich nur selbst optimieren müssen, damit am Ende alles gut wird, ist ein Mythos, nicht Wissenschaft. Vielleicht ist es an der Zeit, der „unsichtbaren Hand“ wieder ein menschliches Gesicht zu geben.