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Das mit uns geborene Recht – Von der Würde, einfach da zu sein

Wenn ein Mensch geboren wird, beginnt sein Dasein nicht mit einer Leistung, nicht mit einer Entscheidung, nicht mit einer Schuld. Es beginnt mit einem einfachen, radikalen Fakt: Er ist. Dieses bloße Da-Sein ist nicht verdient und nicht erklärbar. Es ist geschehen – ohne vorherige Zustimmung, ohne eigene Ursache. Und genau darin liegt der Ursprung dessen, was wir „Würde“ nennen.

Goethe lässt in Faust I den Satz sprechen: „Vom Rechte, das mit uns geboren ist, von dem ist, leider! nie die Frage.“ Gemeint ist nicht ein konkretes Gesetz, sondern ein Prinzip: Es gibt ein Recht, das nicht gegeben wird, sondern mit dem Menschen in die Welt tritt. Dieses Recht besteht nicht aus Paragraphen, sondern aus einem stillen Anspruch: das Recht, da zu sein.

Subjektiv betrachtet kann niemand sagen, warum er ist. Er wurde nicht gefragt. Er wurde nicht gewählt. Er wurde nicht einmal geplant im eigentlichen Sinn. Und doch ist er da – unbestreitbar. Dieses „Ich bin“ ist bedingungslos, weil es keine eigene Ursache kennt. Es trägt kein Verschulden und keine Verdienste in sich. Wer ist, hat das Recht zu sein.

Würde bedeutet genau das: geworden zu sein, ohne eigenes Verschulden – aber anerkannt im Gewolltsein.

Die erste Instanz, die dieses Recht anerkennt, ist meist die Mutter. Sie stillt, schützt, trägt. Sie sagt nicht: „Beweise dich erst.“ Sie sagt, oft wortlos: „Du darfst sein.“ Damit verteidigt sie das mit dem Kind geborene Recht, da zu sein – lange bevor dieses Recht irgendwo geschrieben steht. Das ist kein sentimentaler Gedanke, sondern der erste Vollzug von Gerechtigkeit.

In einer Welt, die alles an Bedingungen knüpft – Bildung, Teilhabe, Respekt – ist dieser Gedanke revolutionär. Denn er sagt: Nicht das Können begründet das Recht, sondern das Sein.

Würde ist also nicht das Ergebnis einer moralischen Leistung, sondern die Anerkennung des schuldlosen Daseins als gewollt. Und genau das ist es, was uns Menschenrecht nennen lässt, was wir schützen, achten und verteidigen sollen: Nicht, weil jemand etwas kann – sondern weil er da ist.